Tag 2 – Schreiben ordnet meine Gedanken

Nach dem Plan gilt es nun, Ordnung in meine Gedanken zu bringen. Eine Freundin hat mir geraten, die Dinge einfach aufzuschreiben. Dann sind sie aus dem Kopf und ich kann sie leichter ordnen. Danke dafür Nicola. Also los geht es. Doch bevor wir starten noch ein kurzes Innehalten: Ich hasse eigentlich Selfies. Doch aus einem mir unerfindlichen Grund ist kein schöner Mensch zur Stelle, also bleibt nur der nächst beste. Übrigens ein Selfie mit einem schönen Menschen und mir liebe ich durchaus.

Zu erst einmal ein wenig eigene Streicheleinheiten: Das Weblog war in Hinblick auf mein Schreiben sicher eine meiner hellsten Ideen in letzter Zeit. Und weil ich als Schreiber am liebsten jederzeit meine Gedanken festhalten möchte – was mir zugegebener Maßen nicht zu jeder Tageszeit heute gelungen ist – habe ich mir zunächst wieder die WordPress-App installiert. Ich hatte sie schon einmal auf dem iPhone und habe nie einen Nutzen davon gehabt. Aber heute stand ich in der U-Bahn auf dem Weg vom Potsdamer Platz zum Nollendorfplatz und schrieb wie ein Besessener. Die erste Erkenntnis dieses Tages: Ich kann noch Leidenschaft für mein Tun entwickeln.

Also schreibe ich. Worüber? Zum Beispiel über Dinge, die ich schon nach zwei Tagen hier im Exil vermisse.

Was ich jetzt schon vermisse: das grüne Falkensee, den Lindenbaum, meinen Schreibtisch, die große Dusche, den täglichen Weg zur Kita, das gemeinsame Frühstück mit Lissy, meine Lieblingsmenschen und Freunde (Nachtrag: Schnelles Internet). Der Kontrast zwischen Ludwigsfelde und Falkensee kann kaum größer sein. Hier fühle ich mich eingeengt, dort ist Luft zum Atmen. Ludwigsfelde war nie eine Heimat für mich. Irgendwie habe ich meine Heimat immer mit mir herum getragen. In Falkensee indes hat dieser Samen nun Wurzeln geschlagen. Und dieses Gefühl ist unbeschreiblich schön. Zum Glück muss ich heute nicht allzu lange in der dumpfen Abgeschiedenheit dahin vegetieren. Um 10 Uhr bringt mich die Deutsche Bahn zum Potsdamer Platz und von dort die U-Bahn und meine Füße weiter bis zur Stiftung Warentest.

Zur Preisverleihung für die Sieger des Wettbewerbs „Jugend testet“ sind neben den Preisträgern auch zahlreichen stolze Eltern und die Schirmherrin, die Bundesministerin für Justiz und Verbraucherschutz Katarina Barley, erschienen. Im Rahmenprogramm gibt es noch eine unterhaltsame Zaubershow und im Anschluss ein Buffet. Normaler Weise lasse ich mich da nicht lumpen, aber der nächste Termin sitzt mir schon im Nacken und ich verzichte auf ein warmes Mittag. Eigentlich schade – obwohl ich normaler Weise kein Freund von Buffets bin, hier wäre es nett gewesen. Zumal mein Magen um 13 Uhr schon wie ein schwarzes Loch mich selbst verschlingen möchte. Egal und Wurst.

 

Auf zum nächsten Termin. Der führt mich zu den Hallen im Borsigturm. Eine Weltreise mit der U-Bahn. Einmal umsteigen von der U2 in die U6 und weiter geht es. Unter anderen Umständen wäre ich wohl nie zu diesem Einkaufstempel gereist, aber ich finde, er ist durchaus ein Kandidat für gemeinsames Shoppen und könnte mit auf die Liste kommen. In dieser illustren Liste finden sich all die Ideen wieder, die man gemeinsam unbedingt erleben muss.

Im Cafe treffe ich Volkmar Neumann. Er ist mein Auftraggeber und Chef des Kinder-Musical-Theaters Berlin. Eigentlich treffen wir uns heute vor allem wegen meines Vertrages. Ich soll bis Ende des Jahres ein Feuerwerk in der Presse- und Öffentlichkeitsarbeit abfackeln. Doch Volkmar erzählt mir erst einmal aus seinem Leben. Irgendwie passiert mir das gerade in der letzten Zeit oft, dass Menschen sich mir öffnen – ganz ohne mein Zutun. Für mich ist es immer wieder schön, das zu erleben und ich habe mich mittlerweile zu einem guten Zuhörer gemausert – eines meiner Ziele.

Volkmar und ich entdecken, dass wir beide Kinder der DDR sind. Na gut, er ist als Pimpf von einer Diktatur in die nächste geschlittert. Aber immerhin. Er erzählt mir von seinen Großeltern in Schlesien, bei denen er während der Bombenangriffe auf Berlin untergebracht war. Er erzählt von seinen Erlebnissen in der eingeschlossenen Reichshauptstadt, als die Russen auf die Reichskanzlei vordringen. Und dann ist der Krieg zu Ende und es beginnt seine Laufbahn als Regieassistent, Schauspieler, Intendant und Regisseur  – zuletzt am Friedrichstadt Palast. Er zeichnet ein sehr bewegtes Leben und selbst jetzt mit 84 Jahren spüre ich die Leidenschaft für seinen Beruf. Genau dieses Feuer möchte ich auch wieder haben, überzeugt sein von den Dingen, die ich tue. Und zumindest für dieses Projekt bin ich es nach dem Gespräch mit Volkmar.

Das Gespräch dauert länger, als wir beide es geplant hatten. Aber keiner von uns bedauert die Überziehung. Mit viel Vorfreude auf dieses Projekt sehe ich eine lohnende Aufgabe, die mich auf jeden Fall erst einmal bis Ende des Jahres begleiten wird.

Kurz ein Blick auf meinen Plan. Die Zeiten für die Reflexion sind hinfällig. Ich komme in meine Matratzengruft zurück und bin schon beim Eintreten wieder unzufrieden und unruhig. Eigentlich will ich hier nicht sein. Vor dem Wochenende graut es mir. So auf sich selbst zurück geworfen, erscheint freie Zeit vergeudet. Womöglich steckt genau da die Stecknadel im Sacko – mit mir eine längere Zeit allein zu sein, bereitet mir Unbehagen. Ich will Menschen um mich, Menschen mit denen ich Erlebnisse teile – egal wie klein oder groß. Ausflüge erscheinen mir nur dann schön, wenn ich diese Momente teilen kann.

Meine Unruhe wächst. Den Nachmittag und Abend vor dem Fernseher zu verbringen – es gab Zeiten, da hatte ich Freude daran. Jetzt bin ich mit diesem Leben unzufrieden. Ich habe schon lange nicht mehr ohne eine Idee für einen Nachmittag oder gar ein ganzes Wochenende gelebt. Ich frage mich, was mein Lieblingsmensch gerade tut. Dadurch wird die Unruhe gänzlich unerträglich. Ich greife auf meinen Plan zurück, schmeiße mich in meine Sportsachen, schnappe mir mein Fahrrad und fahre einfach los. Wohin? Es zieht mich nach Potsdam – zu dem Ort, an den wundervolle Erinnerungen geknüpft sind. Also los.

Es beginnt zu regnen, der Wind bläst und ich trete verbissen in die Pedale. Wohin soll es in Potsdam gehen? Zum Louisenplatz – einer frischen Spur folgend. Der Platz ist beinahe in der Mitte Potsdams gelegen, dazwischen jede Menge asphaltierte Straßen und Wege. In mir sind Zweifel, ob ich es schaffe. Naja, dann drehe ich einfach um und gebe auf. Natürlich nicht! Mit jedem zurückgelegten Kilometer fällt der Druck von mir ab, die Sonne kommt heraus und es bedarf nur noch eines Regenbogens als Zeichen und ich würde meinen Weg kennen, geht es mir durch den Kopf. Ich radle die rund 22 Kilometer entlang der Landstraße, dann durch Potsdam bis in das Herz der Stadt, an dem auch meines wild schlägt.

Ich schnaufe durch, schwelge gerade an diesem Punkt in wundervollen Erinnerungen. Erinnerungen, die ich gern in die Zukunft erweitern möchte. Also noch ein Punkt für meine Liste. An dieser Stelle ein Memo für mich: Lass dir mal wieder die Haare schneiden!

Nach kurzer Rast geht es zurück. Damit habe ich gleichzeitig meinen Wunsch nach einer zweiten Kardioeinheit erfüllt. In meinem Exil angekommen, merke ich zwei Dinge: meine schmerzenden Beine und eine euphorische Grundstimmung, wie ich sie hier seit meiner Ankunft nicht hatte. Ich rede über alle möglichen Dinge, interessiere mich für den Igel im Garten und freue mich über meine Umwelt. Es ist das erste Mal, dass ich mich hier entspannen kann. Und endlich erscheint mir auch eine Vision für meine Zukunft.

Was vom Tag noch übrig bleibt

Noch immer schaue ich regelmäßig auf mein iPhone. Heute wird mir zum ersten Mal bewusst, dass viele der mir nahen Menschen gar keine Social Networks nutzen. Um so mehr freue ich mich, wenn sie über dieses Weblog an meiner Seite gedanklich gehen können. Irgendwie halte ich das Schweigen nicht aus. Ich frage mich immerzu, was in meiner Welt passiert. Wie sieht dort das Wochenende aus. Ich kämpfe mit mir, das Schweigen zumindest noch eine Weile zu erhalten. Aber in mir lebt die große Angst, dass die Welt, die ich verlassen habe, sich verändert haben wird.

Das euphorische Gefühl nach dem Sport hat zumindest dazu geführt, dass ich kurzerhand beschlossen habe, morgen Vormittag in Potsdam mal wieder mit viel Zeit durch die Bücherfundgrube zu stöbern. Ein Plan, den ich eigentlich lieber in Begleitung umgesetzt hätte. Aber so sei es. Wenn meine Welt wartet, dann ist das ein neuer Punkt auf meiner Liste. Ich habe keine Zweifel mehr, dass ich diese Liste umsetzen kann. Nach dem ich gegen jeden Zweifel am Erreichen des Louisenplatzes gekämpft habe und angekommen bin, fühle ich mich jeder Herausforderung gewachsen. Manchmal ist es so einfach: Setze dir ein Ziel, verfolge es gegen jeden Widerstand, den du in dir hast, und du wirst glücklicher zurückkehren von deinem Weg, als du aufgebrochen bist.

 

 

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