Tag 3 – Von der Einsamkeit zum Selbstmitgefühl

Schon Goethe wusste: „Um die Einsamkeit ist’s eine schöne Sache, wenn man mit sich selbst in Frieden lebt und was Bestimmtes zu tun hat.“ Und damit sind wir auch schon bei meinen heutigen Dämonen gelandet. Ich lebe weder selbst mit mir in Frieden, noch habe ich etwas bestimmtes zu tun. Der Samstag hat einfach das gehalten, was ich erwartet und ein wenig befürchtet habe. Es gab viel Zeit für Reflexionen.

Gedenke ich des heutigen Mottos, dann bin ich im Moment kein heilsamer Umgang für mich selbst. Wie kann ich dann aber erwarten, dass ich es für andere sein kann? Nun gut, genug mit der Selbstzerfleischung. Warum? Weil ich endlich Selbstmitgefühl entwickeln muss – sagt Kristin Neff in ihrem gleichnamigen Buch. Und in der Tat gehen wir alle viel zu hart mit uns ins Gericht, „halten die Ohren steif“, wenn ein Sturm durch unser Leben bläst und dabei sind wir diejenigen, die uns selbst am besten schützen können.

Wir sind eine Generation der Selbstoptimierer – erzogen durch die Medien und in dem Glauben, dass wir uns stets und ständig mit anderen vergleichen müssen. In meinem Fall führen die Unzulänglichkeiten im beruflichen Umfeld zu einer Überidentifizierung, einer Übertreibung. „Ich bin wertlos“, „ich bin nicht gut genug“. Dieses Verhaltensmuster, sagt Neff, führt zu einem unglaublichen Maß an emotionalem Schmerz, den man sich selbst zufügt.

Was daraus entsteht, sehe ich an mir selbst. Ich habe das Vertrauen in meine Fähigkeiten verloren, zweifle an meinem Potential, wenn ich mich mit anderen aus meiner Branche vergleiche und verfalle dadurch in tiefe Hoffnungslosigkeit. Neffs Vorschlag und Aufforderung, um sich dieser Spirale in den Abgrund der eigenen Seele zu entziehen: „Aufhören sich fortwährend zu bewerten und selbst zu verurteilen.“ Dafür ist es wichtig, nicht in den Kategorien „gut“ und „schlecht“ zu denken. Als Medienmensch habe ich gelernt, dass es keine guten oder schlechten Nachrichten gibt. Es gibt nur Nachrichten und erst die Interpretation gibt dem ganzen eine Tendenz. So ist es auch mit uns. Und Selbstmitgefühl – die Erkenntnis, dass man als Mensch einfach Stärken und Schwächen hat und diese akzeptiert, hilft hoffentlich dabei.

Nun gut. Noch bin ich auf den ersten Seiten des Buchs. Eine Lösung oder ein passendes Training soll es auch geben, aber das bleibe ich euch heute noch schuldig. Für mich gilt es jetzt, einfach weiter mit mir auszukommen, mich endlich wieder als Mensch zu achten. Und ich wünsche mir, dass auch all die wichtigen Menschen in meinem Leben ebenso sorgsam mit sich umgehen. Haltet nicht einfach die Ohren steif, sondern nehmt euch selbst einmal in den Arm, wenn ihr euch emotional verletzt fühlt.

Für mich war dieser Tag überraschend aufschlussreich – in vielerlei Hinsicht. Ich bin mir ein großes Stück näher gekommen und bewusster geworden. Manchmal ist so ein verregneter Tag offenbar genau das, was es braucht, um in der Einsamkeit zu eigener Größe wieder anzuwachsen. Und schon Schopenhauer wusste, aus Einsamkeit erwächst durchaus Glück und vor allem Gemütsruhe – eine meiner unbestrittenen Stärken, die ich gern wieder in vollem Umfang erleben möchte.

Allein zu sein! Drei Worte, leicht zu sagen,
und doch so schwer, so endlos schwer zu tragen.
Adelbert von Chamisso

Was vom Tag noch übrig bleibt

Morgen habe ich eine Einladung zum Sommerfest der Eltern und Verantwortlichen des Kinder-Musical-Theaters Berlin bekommen. Zwischen 15 und 17 Uhr werde ich also einmal mehr auf Leute treffen, die mit viel Leidenschaft und Engagement das Projekt unterstützen, in dem ihre Kinder eine Art zweite Heimat finden. Darauf freue ich mich.

Ansonsten ist das mit dem Schweigen so eine Sache. Ich habe es durch mein Weblog aufgeweicht – aber eben nur in eine Richtung. Die Ungewissheit, wie meine Lieblingsmenschen und Freunde ihre Tage verbringen, nagt an mir wie ein Holzwurm in einem Stück Eiche. Ich bin gerade nicht Teil ihres Lebens und möchte es doch so gern sein.

Das Motto des Tages habe ich heute morgen beim Grübeln im Bett gefunden, ohne zu wissen, wie dieser Tag wird. Um so mehr freue ich mich, dass das Motto überraschender Weise nun doch die Quintessenz des Tages geworden ist. Mal schauen, ob mein Instinkt mich auch auf den Kern des morgigen Tages führt. Es ist ein großartige Übung und mir scheint, dass das Motto den Tag in eine bestimmte Richtung lenkt. Sofern sich meine Vermutung bestätigt, werde ich auch nach meiner Rückkehr aus dem Exil künftig jedem Tag ein eigene Deutung geben. Damit werde ich wieder zum Herren meiner Tage, ein tolles Gefühl.

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